...oder aber: alles nur (k)ein Traum:

Müden Kopfes schlug ich die Augen auf, blinzelte verschwommen und versuchte zu ergründen, wo ich war, denn zu Hause habe ich keinen derart unbequemen Stuhl, auf dem ich einschlafen könnte, wie auch keine kahlen, grau gestrichenen Betonwände, keinen blanken Edelstahltisch und schon gar keine unintime augenschmerzende Leuchtstoffröhren, die alles in Ihrem Scheinkreis blaß, kränklich und todesnah ausleuchten.

Dann fixierte sich mein Blick auf meinen Gegenüber; es mochte gut 20 Jahre her sein, das ich Ihn das erste Mal persönlich gesehen hatte und da war mir sogar symphatisch. Aber Zeiten und Menschen ändern sich, ebenso wie das Klima.

Er starrte dumpf zurück, als würde er auf das geradezu klassische Wo bin ich..? meinerseits warten, aber ich besaß genug Geistesgegenwart - oder deren Gegenteil, die Geistesdumpfheit, - um nicht mehr von mir zu geben, als ein trockenes räuspern.

Mein Gegenüber starrte mich weiterhin wort- und ausdruckslos an; soweit es meine psychologischen Kenntnisse betraf, wohl der Versuch, mich durch beharrliches Schweigen zum reden zu bringen.

Also schwieg ich und versuchte, das Geheimnis zu ergründen, weswegen man mich hierher gebracht hatte. Gründe gab es genug, aber welcher oder welche davon mochte es sein und ich fühlte mich plötzlich an "Nummer Sechs" erinnert, diese surreale Agentenserie aus Großbrittanien aus den Endsechzigern, welche furchtbarerweise noch in diesem Jahr eine us-amerikanische Neuauflage erleben soll.

"Haben Sie nicht unlägst das Ressort gewechselt..", fragte ich und so etwas wie ein Lächeln zeigte sich mir, ganz so, als wollte er mir damit sagen wenn sogar Sie das glauben...

Stattdessen sagte er leise aber bestimmt: "PentAgrion."

Das Wort, der Name, hingeworfen wie einen Brocken, erschütterte mich, denn ich hatte PentAgrion nichtmal in geringster Weise in meinem Schuldenregister, das ich hier wohl nun abzahlen sollte.

"Ein Roman, ein Internetroman.", antwortete ich so ruhig wie möglich, aber meine Verblüffung drang wohl doch bis in meine Stimme.

Er griff in den Schoß und warf eine dicke rote Akte versehen mit zahlreichen Lesezeichen auf den Tisch; schlug sie auf, starrte auf das Blatt Papier - ein Ausdruck meiner Blogseite, wie ich unschwer erkennen konnte - und nickte, während er mit lautlos zuckenden Lippen las.

"Sie widersprechen dieser Darstellung in der Öffentlichkeit nachdrücklich und wenn Sie mir diese Anmerkung gestatten, auch sehr überzeugend."

Ich zuckte mit den Schultern: "Nennen Sie es Marketing."

Er stülpte die schmalen Lippen vor und blätterte scheinbar wahllos in der Akte. Sie enthielt Schwarzweißausdrucke meines Nachtbüchleins.

Ob Ihm klar ist, wie sehr er und Seine Mitarbeiter - gedanklich verzichtete ich tatsächlich auf das politisch korrekte "und Mitarbeiterinnen(innen)" - eigentlich begreifen, wie schwer sie sich selbst das Leben und vor allem die Arbeit machen..?

"Marketing, soso. Für wen?"

"Für einen BlogFreund", lautete meine lässige Antwort.

Nicken, Lippen kräuseln und dann: "B-l-o-c-k-freund, soso."

Ich schüttelte den Kopf, wobei mir etwas schwindlig wurde und korrigierte den Rollstuhlfahrer: "Blog, nicht 'Block". Mit weichem G, wie..."

"Gaddaffi!", half er mir aus und ich lachte.

Er nicht. "Klingt das so abwegig im Zusammenhang mit einem Teppichhaus?"

Oha. Mir verging das lachen, nicht wegen der Absurdität dieses Gedankenganges, sondern der Ernsthaftigkeit, mit der er geäußert wurde.

"Als Staatsdiener ist es meine Aufgabe und Pflicht, die freiheitlich-demokratische Grundordnung und unsere Werte zu verteidigen. Sie waren doch selbst einmal Staatsdiener.", erinnerte er mich nachdrücklich, doch ich konterte. "Bei einem Unternehmen, das Sie und andere nachdrücklich privatisieren wollen."

"Und Sie waren Mitglied einer demokratischen Partei."

Werde ich demnächst wieder sein, hätte ich antworten können, aber das hätte wohl zu einem Nebenkriegsschauplatz geführt, unter welchen Bedingungen eine zugelassene Partei als demokratisch galt in Seinen Augen.
Wieder starrte er, obwohl man es auch leicht als glotzen empfinden konnte..

"Welcher Art Kontakt haben Sie zu Ihren Helfershelfern?"

Er hielt uns tatsächlich für eine...ja, eine was..? Terroritische Vereinigung..?

"Sie müssen nicht antworten, ich kenne die Antwort bereits: Internet."

Er sprach das letzte Wort aus, wie andere Menschen Unrat oder Abfall sagen würden. Vielleicht auch Tschernobyl oder Sklavenbefreiung.

"Sie versuchen eine offensichtlich obskure Verbindung der Bundeskanlzerin und geachteter Unternehmer und Unternehmen hierzulande und im Ausland mit sektiererischen Geheimbünden zu konstruieren, ja - Sie schrecken nicht mal davor zurück, die Kirche zu involvieren. Arbeiten mit unanständigen Verschwörungstheorien. Und Sie drohen ganz offen!"

Ich war mir sicher, das es hier und jetzt nicht genügen würde, mich auf Artikel 5 des Grundgesetzes zu berufen.

"Fühlen Sie sich nicht zu sicher, meine Spezialisten sind kurz davor, ihre Codes zu dechiffrieren, junger Mann.", es war an Ihm zu lächeln, wenn auch nicht sehr, "Den Schlüssel dazu haben Sie uns ja selbst gegeben."

"Bei allem Respekt", es gelang mir, ein neutrales Mienenspiel zu zeigen während dieser Lüge, "aber Sie sind noch verrückter, noch paranoider um genau zu sein, als ich dachte." Eine Guinnessbuch würdige Leistung, aber das verschwieg ich wohlweislich.

Er schwieg und starrte dumpf, doch in seinen kalten Fischaugen über den Tränensäcken konnte ich lesen Nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.
Dabei machte er auf mich gar nicht den Eindruck, ein eifriger Pratchettleser zu sein, obwohl er sich die Welt als Scheibe sicherlich gut vorstellen konnte, wenngleich völlig anders, als der zitierte.

"Ich werde Sie im Auge behalten."

Sprachs beinahe gelassen, doch deutlich drohend aus und rollte zur Tür, auf der ich erst jetzt die Aufschrift "A-5.1" bemerkte.

"Herr Minister!"

Er wandte mir unwirsch das Halbprofil zu, hoffte wohl auf eine Einsicht und Beichtwilligkeit meinerseits, aber ich sagte nur mühsam ein kichern unterdrückend: "Sie haben Ihren Koffer vergessen."

Erstsendung 04. November 2009 AD, 18:46:10 in der Registratur

P.S. Nahezu soeben wurde der zweite Teil der Papiere des PentAgrion begonnen...

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